{"id":137,"date":"2016-07-18T00:45:49","date_gmt":"2016-07-17T22:45:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hanshoorn.nl\/de\/?page_id=137"},"modified":"2023-05-21T20:30:27","modified_gmt":"2023-05-21T18:30:27","slug":"uber-maastricht","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hanshoorn.nl\/de\/uber-maastricht\/","title":{"rendered":"\u00dcBER MAASTRICHT"},"content":{"rendered":"<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Manchmal wird das Image einer Stadt, vor allem in seiner internationalen Reichweite, vollst\u00e4ndig von einem einzigen Ereignis bestimmt. Millionen von Menschen denken, wenn sie nur den Namen Maastricht h\u00f6ren, an Europa. Am 7. Februar 1992 wurde hier der Vertrag von Maastricht unterzeichnet. Damit wurde unter anderem die gemeinsame Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik der Europ\u00e4ischen Union formal gegr\u00fcndet, was bis heute als ein Meilenstein f\u00fcr den europ\u00e4ischen Integrationsprozess gewertet wird \u2013 wenn auch inzwischen mit deutlich weniger Euphorie als zum damaligen Zeitpunkt. Auch wurde beschlossen den Euro als europ\u00e4ische W\u00e4hrung zu verwenden.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Maastricht, im Dreil\u00e4ndereck Niederlande-Belgien-Deutschland gelegen, ist in vielerlei Hinsicht eine europ\u00e4ische Stadt. Sie profitiert von ihrem historischen Stadtbild, von ihren rund 2.000 Baudenkm\u00e4lern und ihren 20.000 Studenten aus ganz Europa \u2013 vielen davon aus Deutschland \u2013, bei gut 120.000 Einwohnern. Ihre katholische Tradition und der direkte Einfluss der wallonisch-belgisch-franz\u00f6sischen Kultur und Lebensart ist in vielen Dingen deutlich sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">GUT LEBEN m\u00f6chte gern einmal zu einem kleinen ersten Rundgang einladen, auf dem von Anfang an versucht wird, die Sch\u00f6nheit Maastrichts nicht nur zu bewundern und zu konsumieren. Die Sch\u00f6nheit einer Stadt ist keine \u201enaturgegebene\u201c Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Das vielleicht Sch\u00f6nste an der Sch\u00f6nheit ist ja, dass sie nichts von Ihrem Reiz verliert, wenn man dies wei\u00df \u2013 und sie so immer wieder neu entdecken kann.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Von der Sch\u00f6nheit und dem besonderen Flair der Stadt wissen auch viele Touristen, die Maastricht nicht nur wegen seiner historischen Sehensw\u00fcrdigkeiten lieben, sondern \u2013 ja, vielleicht gerade deshalb \u2013 weil selbst der gewaltige Ansturm von 4,5 Millionen Besuchern pro Jahr einfach nicht vermag, Maastricht h\u00e4sslicher zu machen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wie schafft diese Stadt das? Zumal sie uns bei der Anreise im Auto begr\u00fc\u00dft mit einem Tunnel Eine c.a. eine Millarde Euro l\u00e4sst man es sich kosten, unzeitgem\u00e4\u00dfe Blechlawinen ab November 2016 auf intelligente und stadtbildschonende Weise verschwinden zu lassen: Gleich zwei Tunnel sind \u00fcbereinander gebaut. Im unteren soll die durch Maastricht f\u00fchrende Europastrasse E 25 verlaufen, die Amsterdam mit Genua verbindet. Die Etage dar\u00fcber ist dem regionalen Verkehr gewidmet. \u00dcberirdisch entsteht dagegen: eine gr\u00fcne Allee.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2 style=\"padding-left: 40px;\">Planungsziel Sch\u00f6nheit.<\/h2>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die etwas ungew\u00f6hnliche Hinleitung zu unserem Stadtbesuch gibt bereits eine erste Erkl\u00e4rung f\u00fcr die besonderen st\u00e4dtebaulichen Qualit\u00e4ten unseres Ziels: Maastricht ist eine B\u00fchne f\u00fcr Menschen, nicht f\u00fcr Autos. Der Stadt ist bewusst, ein Gl\u00fccksfall zu sein. Maastricht gilt nach Amsterdam als bedeutendstes Zeugnis urbaner Baukunst in den Niederlanden. Dabei lebt die Stadt aber nicht etwa nur von der Konservierung ihres reichen Erbes. Sie tritt vielmehr in jeder Generation ihr Erbe an \u2013 und macht etwas daraus, mit viel erlerntem historischen Gesp\u00fcr und Bewusstsein. Das Geheimnis Maastrichts liegt in seinem Balanceakt zwischen erhaltendem Respekt und Mut zur Erneuerung. Was das ganz konkret hei\u00dft, erl\u00e4utert uns Hans Hoorn. Der Stadtsoziologe konnte \u00fcber Jahrzehnte in seinen Funktionen als Vorsitzender der Stadtgestaltungskommission und stellvertretender Leiter des Stadtentwicklungs- und Liegenschaftsamts ma\u00dfgeblich an der heute erlebbaren Qualit\u00e4t des Maastrichter Stadtbildes mitwirken.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2 style=\"padding-left: 40px;\">Doppeltes Gl\u00fcck.<\/h2>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eMaastricht hatte nicht nur das Gl\u00fcck, keine Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg erlebt zu haben. Es hat auch die Phase planerischer Phantasien in Richtung ,autofreundlicher\u2018 St\u00e4dte ziemlich unbeschadet \u00fcberstanden.\u201c Hans Hoorn ist stolz darauf, \u201edass Maastricht eine Stadt ist, in der auch die planerischen Versehen aus dieser Zeit recht konsequent korrigiert wurden.\u201c Gern zeigt er Fotos vom Abriss eines massiven Beton-Parkhauses in der Innenstadt. \u201eVon den f\u00fcnf Br\u00fccken, \u00fcber die das historische Zentrum zu erreichen ist, sind inzwischen drei von Autos befreit. Ein Gro\u00dfteil des Verkehrs wird \u00fcber den Ring um die Innenstadt gef\u00fchrt. Fahrzeuge, die das Zentrum erreichen, verschwinden dort nahezu vollst\u00e4ndig in Tiefgaragen. Wo seit 1930 eine Stadtautobahn verlief, einen Tunnel \u2013 und dar\u00fcber eine Flaniermeile und Uferpromenade.\u201c Ein weiteres exponiertes Beispiel ist der gro\u00dfe Platz rund um das historische Rathaus. Hier kann man heute \u00fcber den beliebten Markt \u2013 und Tr\u00f6delmarkt \u2013 schlendern, wo sich fr\u00fcher ein Parkplatz befand.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2 style=\"padding-left: 40px;\">Keine Anpassungsarchitektur.<\/h2>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">An vielen Orten in Maastricht finden sich inmitten einer Umgebung aus wertvollen und gesch\u00fctzten architektonischen Geschichtszeugnissen auch moderne Geb\u00e4ude h\u00f6chster Qualit\u00e4t. Dahinter steht eine programmatische \u00dcberlegung: \u201eUnsere Stadtgestaltungskommission hat allzu ehrf\u00fcrchtige ,Anpassungsarchitektur\u2018, deren einziges Qualit\u00e4tskriterium ja darin best\u00fcnde, nicht zu st\u00f6ren, immer gerne abgelehnt. Das war uns zu wenig.\u201c Um auch heute weiterhin selbstbewusst \u201ehistorische Architektur\u201c zu realisieren, so macht uns Hans Hoorn klar, \u201ebrauchen wir eben Neubauten, von denen man in hundert Jahren sagen wird: ,Das ist wertvolle, gesch\u00fctzte Architektur aus dem Jahre 2020.\u2018 \u2013 Und das erreichen wir nur \u00fcber aufwertende Kontraste.\u201c<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2 style=\"padding-left: 40px;\">Kirchen und Kl\u00f6ster in neuer Funktion.<\/h2>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Typisch f\u00fcr Maastricht sind tats\u00e4chlich zum Teil atemberaubende Kombinationen aus Alt und Neu. Einige der zahlreichen Kl\u00f6ster und Kirchen wurden mit neuen, historisch \u201ekontrastierenden\u201c Funktionen gef\u00fcllt. Nicht nur das Stadtarchiv und einige Fakult\u00e4ten der Universit\u00e4t befinden sich in historischen H\u00fcllen. Auch studentisches Wohnen hat sich in ehemals sakralen R\u00e4umen ausgebreitet. Ein gelungenes Beispiel ist zu entdecken, wenn man vom Capucijnengang, einer kleinen Parallelgasse der Grote Gracht durch eine Einfahrt in den dahinterliegenden Innenhofbereich vordringt. Hier findet man alles in einem Ensemble vereint: moderne Wohnarchitektur, eine historische Kirche mit modernen Studentenappartements und weitere Studentenwohnungen in Klostergeb\u00e4uden.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2 style=\"padding-left: 40px;\">Korbsitzlandschaften.<\/h2>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Unser Experte f\u00fcr das urbane Gesamtkunstwerk Maastricht ist nicht darauf aus, mit den gro\u00dfen und spektakul\u00e4ren j\u00fcngeren Maastrichter Bauten von internationalen Architekturgr\u00f6\u00dfen wie Mario Botta oder Aldo Rossi zu beeindrucken. Aber gerade die Hinweise Hans Hoorns auf vermeintlich kleine planerische Weichenstellungen er\u00f6ffnen einen neuen Blick auf das Stadtbild: \u201eNehmen wir ein gut wahrnehmbares Beispiel: die Bestuhlung der Stadt. Fr\u00fcher gab es hier das \u00fcbliche zuf\u00e4llige Durcheinander von Formen, Farben und Materialien: grellbunte Massen-Plastikm\u00f6bel und wenige Schritte entfernt rustikale Holzb\u00e4nke oder n\u00fcchterne Designer-Sessel. Heute sehen Sie \u00fcberall Korbst\u00fchle.\u201c Das Ergebnis \u00fcberzeugt sofort. Aber wie lie\u00df sich diese Idee umsetzen? Die Antwort des Stadtsoziologen ist ganz lapidar. \u201eDie Gestaltungskommission liebte einfache politische L\u00f6sungen: Wer Korbsessel aufstellt, erh\u00e4lt die Genehmigung f\u00fcr seine Au\u00dfenterrasse. Wer etwas anderes m\u00f6chte, muss daf\u00fcr die Genehmigung der Kommission beantragen.\u201c Auch auf den n\u00e4chsten kritischen Einwand der Gastronomen \u2013 die hohen Kosten \u2013 war man vorbereitet: \u201eWir hatten im Vorfeld bereits mit den verschiedenen Bierfirmen verhandelt und konnten den Wirten antworten: Die Brauereien bezahlen das Mobiliar.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ein bekanntes Beispiel f\u00fcr die erzielte Wirkung gibt der baumbestandene Platz vor dem m\u00e4chtigen Westwerk der romanischen Liebfrauenkirche. In einer Umfrage gewann dieser Platz mit seinen Restaurants, Caf\u00e9s und Bars am Onze Lieve Vrouweplein die Herzen der Niederl\u00e4nder, noch vor allen Pl\u00e4tzen in Amsterdam, den Haag und Utrecht. Die Frage lautete: Wo w\u00fcrden Sie am liebsten mit Ihren Freunden ausgehen, um unter freiem Himmel einen sch\u00f6nen Abend mit Essen und Trinken zu verbringen? \u2013 Der Bereich vor der massiven Steinfassade der Basilika steht hierf\u00fcr nicht zur Verf\u00fcgung. Die Umsatzziele der Gastronomen m\u00fcssen sich der Wirkung der Architektur unterordnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<h2 style=\"padding-left: 40px;\">Ein Erfolgsmodell und seine Grenzen.<\/h2>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die historische Innenstadt Maastrichts ist voll von Zeugnissen der Entscheidungen der f\u00fcnfk\u00f6pfigen Gestaltungskommission, deren personelle Zusammensetzung \u00fcbrigens sehr bewusst gew\u00e4hlt wird: Sie besteht nahezu vollst\u00e4ndig aus ortsfremden Experten und B\u00fcrgern, zur Vermeidung von Interessenskonflikten. Hans Hoorn nennt einen weiteren Punkt: \u201ePolitiker kommen nicht in die Kommission. Und sie sind zufrieden damit. Dieses Prinzip hat sich \u00fcber lange Zeit bew\u00e4hrt. Meine Erfahrung war, dass man bewusst auf unsere Unabh\u00e4ngigkeit setzte \u2013 und mit wenigen Ausnahmen unseren Empfehlungen gefolgt ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Dann h\u00f6ren wir staunend, dass dieses Modell in rund 130 niederl\u00e4ndischen St\u00e4dten, also etwa 80 Prozent, auf ungew\u00f6hnlich klare Weise architektonische Qualit\u00e4t \u201eerzwingt\u201c.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Bleiben wir aber zum Schluss realistisch: Die Macht potenter Investoren gibt es auch in Maastricht. Das Shopping- Center Mosae Forum, zentral zwischen Maas und dem Markt gelegen, lockt mit genau den Qualit\u00e4ten, die wir in Maastricht soeben zu sch\u00e4tzen gelernt haben: \u201eHier\u201c, so verspricht die Webseite, \u201etreffen sich jahrhundertealte Geschichte und moderne Architektur.\u201c Als der Projektentwickler aber bef\u00fcrchtete, die Kunden auf der Parallelstra\u00dfe k\u00f6nnten eventuell am neuen Center vorbeilaufen, setzte er gegen den Willen der Stadtgestaltungskommission durch, dass mitten durch ein denkmalgesch\u00fctztes Geb\u00e4ude mit einer wundervollen Fachwerkstruktur aus dem 16. Jahrhundert hindurch \u2013 \u00fcber zwei ganze Etagen \u2013 eine Passage geschlagen wurde. F\u00fcr Hans Hoorn ist das ein planerisches Trauma. Aber letztlich bleibt er auch hier niederl\u00e4ndisch gelassen: \u201eAb und zu geht \u00fcberall etwas schief \u2013 aber Sie k\u00f6nnen trotzdem gerne wiederkommen!\u201c<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Autor: <em>Klaus Vatter<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"412\" height=\"924\" src=\"https:\/\/www.hanshoorn.nl\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/HH201601.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-138\" srcset=\"https:\/\/www.hanshoorn.nl\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/HH201601.png 412w, https:\/\/www.hanshoorn.nl\/de\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2016\/07\/HH201601-134x300.png 134w\" sizes=\"auto, (max-width: 412px) 100vw, 412px\" \/><\/figure>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Manchmal wird das Image einer Stadt, vor allem in seiner internationalen Reichweite, vollst\u00e4ndig von einem einzigen Ereignis bestimmt. 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